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Einblicke in soziale Einrichtungen

Erstellt von Südkurier, Jörg Büsche | |   Gymnasium

Markdorf – Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten besuchen die Elft- beziehungsweise Zehntklässler des Gymnasiums am Bildungszentrum (BZM) soziale Einrichtungen in der Region. Zwei Wochen lang absolvieren sie ein Praktikum in Krankenhäusern, Pflege- oder Behinderteneinrichtungen. Das Ziel dieses Projekts namens

„Compassion“ – Einfühlung, Mitgefühl – ist es, den Blick zu weiten. Bewusstsein zu schaffen für jene, die aufgrund von körperlichen, seelischen oder geistigen Beeinträchtigungen nicht in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teil haben können und auf die zugegangen werden muss. Gelegenheit dazu hatten die BZM-Oberstufenschüler während der beiden ersten Februarwochen. Nun folgte die gemeinsame Gesprächsrunde, bei der Compassion-Eindrücke ausgewertet werden.

In Vierer- oder Fünfergruppen stehen die Schüler vor der Klasse. Sie schildern, in welcher Einrichtung sie waren. Ob im Markdorfer Mehrgenerationenhaus, im Friedrichshafener Zentrum für Psychiatrie oder in einer jener Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, die die Stiftung Liebenau im Bodenseeraum unterhält. Vieles klingt nach Routine. Die Sozial-Praktikanten wurden mit Hilfeleistungen betraut. Sie fütterten, sie betreuten, sie gaben Hilfestellung. Andere halfen in der Küche, in den Speisesälen. Die Dritten halfen beim Reinigen. Manchem begegnete auch Unangenehmes: Sie wurden Zeuge eines epileptischen Anfalls oder eines Malheurs ganz anderer Art, etwa bei einem unter

Inkontinenz leidenden Patienten. Weit überwiegend schildern die 15-, 16-, 17-Jährigen jedoch ihre positive Erfahrungen.

Niklas zum Beispiel. Der 16-Jährige erklärt: „Zu Anfang des Praktikums habe ich nicht richtig gewusst, wie ich mich verhalten soll.“ Das habe sich rasch gegeben. Von Seiten der Mitarbeiter in der Tagesbetreuung in dem Begegnuns- und Bildungszentrum für Behinderte sei der Rat gekommen, ganz natürlich zu sein und auch Grenzen zu setzen, Nein zu sagen. Den dadurch erreichten Effekt beschreibt Niklas mit deutlich angewachsenem Selbstbewusstsein. „Mit hat das Praktikum extrem viel Spaß gemacht.“ So viel Spaß sogar, dass er sich eine berufliche Orientierung hin zum Sozialbereich vorstellen könnte, „wenn es denn besser bezahlt würde“.

Mit einem veränderten Blick auf Senioren ist Jessica, 17 aus der Abteilung für Inneren Medizin des Friedrichshafener Klinikums zurückgekehrt. Dort habe sie sich mit Pflegebedürftigen befasst. Patienten, die zum Teil nicht mehr sprechen konnten, denen jedoch die Dankbarkeit anzumerken war, wenn sich jemand um sie kümmerte. Jessicas Eindruck von den Krankenhausmitarbeitern: „Die waren sehr freundlich, sehr zugewandt gegenüber den Patienten – gleichzeitig aber auch professionell.“ Was die Schülerin berührt hat: „Die Todesfälle in der Abteilung.“

Überraschend eindeutig fiel jene Auswertung aus, die am Beginn der gemeinsamen Gesprächsrunde steht. „So klar war das Ergebnis noch nie“, erklärte Bernhard Oßwald, Mitorganisator des Compassion-Projekts. Alle Schüler in der von ihm betreuten Klasse haben markiert, dass sie einen

„Gewinn“ aus dem Sozialpraktikum gezogen hätten. Ebenfalls alle sehen auch die positiven Erwartungen erfüllt, die überwiegend durch das Gespräch mit den Compassion-Teilnehmern des Vorjahres geweckt worden waren. Aus Oßwalds Sicht hat sich das Compassion-Konzept über die Jahre bewährt. Die Schüler gewinnen neue Perspektiven für sich. Aus den Einrichtungen kommen auch immer wieder positive Rückmeldungen.

„Ich hätte vorher nicht gedacht, dass mir die Arbeit in einer sozialen Einrichtung so viel Spaß machen könnte.“ Niklas, 16

„Ich habe inzwischen den größten Respekt vor Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten.“ Johannes, 17 Compassion

„Ein zweiwöchiges Sozialpraktikum“, so heißt es auf der Internetseite des Gymnasiums am Markdorfer Bildungszentrum, „schließt das Sozialcurriculum ab.“ In dessen Verlauf sind die Schüler Lernzielen sozialer Natur begegnet. Zum Beispiel in der Klassengemeinschaft. Im Compassion-Sozialtraining der 10. beziehungsweise 11. Klasse begegnen die Schüler sozialverpflichtenden Haltungen in der Praxis. Sie besuchen dazu Altenheime, Behinderteneinrichtungen oder Krankenhäuser, um in der Berührung mit Mitarbeitern und Patienten oder Bewohnern gelebte Solidarität zu erfahren.

https://www.suedkurier.de/epaper-artikel/markdorf/art1176881,10445561

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