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Gymnasium bietet Altgriechisch an

Erstellt von Südkurier, Jörg Büsche | |   Gymnasium

Alte Sprachen werden wieder beliebter. Jetzt bietet das Gymnasium im Bildungszentrum Markdorf Altgriechisch an. Zusammen mit Latein und zwei neuen Sprachen kann damit das Zusatz-Zertifikat des „Europäischen Gymnasiums“ erworben werden.

Laut Börsenportal „Wallstreet:online“ liegen sie voll im Trend. Jene 44 Gymnasiasten des Markdorfer Bildungszentrums (BZM), die sich jüngst für den Altgriechisch-Unterricht angemeldet haben. Der Finanz-Nachrichten-Anbieter bezieht sich auf die Tatsache: „dass die alten Sprachen bei den Schülern wieder beliebter werden und nicht selten Griechisch und Latein auf dem Lehrplan stehen.“

Mithin scheint der Trend gewendet. Denn den baldigen Tod der beiden alten Sprachen haben noch vor wenigen Jahren besorgte Altphilologen prognostiziert – also Menschen, die sich von Berufs wegen mit den Sprache und Literatur der Antike befassen.

„Weil ich einen Einblick in eine andere Welt bekomme“, meint die 15-jährige Lisa zu ihrer Entscheidung. Aber das ist schon Aufwand: Buchstaben lernen, die sonst fast nur im Mathematik-Unterricht begegnen und Silben entziffern, die fremd und unverständlich klingen, wie die Fachbegriffe eines Arztes bei der Diagnose, vor der Übersetzung ins Verständliche für den Laien.

Apropos Übersetzen: Scheinbar geht das auch spielerisch. Und scheinbar macht es sogar großen Spaß. Diesen Eindruck gewinnt jedenfalls, wer die Altgriechisch-AG von Joachim Dorn besucht. Da beugen sich rund zehn Schüler über ihre Vokabel-Tabellen, suchen die Kolonnen ganz links auf dem Blatt nach vertrauten Buchstaben ab, um es mit dem zu vergleichen, was Lehrer Dorn an die Tafel geschrieben hat. Wort für Wort erschließen sich die Sätze. Nicht sofort – mancher Vorschlag aus der Klasse ging in die falsche Richtung. Immerhin: er wird ernsthaft erwogen, dann verworfen.

Aber so, dass sich der Eindruck entsteht, auch Falsches sei ein wichtiger Beitrag. Schließlich, bei der richtigen Lösung, folgt Aufmunterung und Lob. Für die achte Stunde, für den späten Nachmittag geht‘s hier überaus munter zu. Die Schüler sind bei der Sache. Ihre Neugier ist geweckt – ja, sie dürsten nach Wissen. So scheint es.

Schulleiterin Diana Amann jedenfalls ist begeistert. „Dass an unserem Gymnasium nun Altgriechisch unterrichtet wird“, so die Direktorin, „das find‘ ich sensationell.“ Latein habe ja bereits Tradition, trotzdem das BZM-Gymnasium eine naturwissenschaftliche Ausrichtung besitzt. Sogar Leistungskurse kommen zustande – in der Sprache der alten Römer beziehungsweise lingua franca für die gesamte damals bekannte Welt. Warum aber Alt-Griechisch? „Weil es die Sprache ist, die in der Wiege unserer europäischen Kultur gesprochen wurde.“ Sie führe direkt zurück an die Quelle, zu den Anfängen von Philosophie, Religion, Politik, erklärt die studierte Philosophin.

Auch Roger Brand hat die kulturhistorische Dimension im Blick. Auch er sieht hier eine weitere Chance zur Persönlichkeitsentwicklung – am Leitfaden der antiken Texte mit ihren existentiellen Situationen. Als stellvertretender Schulleiter und wesentlicher Mitorganisator des Unterrichtsbetriebs am Gymnasium verweist er indes auf einen zusätzlichen Faktor. Denn am Ende, mit Erhalt des Graecums, des Nachweises einer erfolgreichen Teilnahme des Griechisch-Unterrichts, gebe es für die, die daneben noch Latein und zwei neue Sprachen gelernt haben, in Baden-Württemberg das Zusatz-Zertifikat des „Europäischen Gymnasiums“, das in vielen Bereichen als zusätzlicher Türöffner diene.

Joachim Dorn hält mit seiner Verwunderung nicht hinterm Berge. Dass sich auch ein paar Schüler fürs alte Griechisch interessieren, damit habe er schon gerechnet. Dass es aber so viele sind, das erstaune ihn dann aber doch. Joachim Dorn musste gar nicht weit ausholen, wie vom großen Genuss erzählen, antike Klassiker im Original lesen zu können. Von der Freude übers tiefere Verständnis für grammatische Strukturen, sobald man sich in der Systematik des Altgriechischen auskennt.

Oder von der sprachlichen Geschmeidigkeit, die der des Altgriechischen Mächtige sich für alle anderen Sprachen erworben hat. Nein, die BZM-Schüler seien schon von sich aus Feuer und Flamme gewesen. Und wenn der Altphilologe Joachim Dorn darüber spricht, dann drängt sich ein bisschen auch der Eindruck auf, dass neben seiner Überraschtheit auch die Sorge zu erkennen ist, diese Anfangsbegeisterung fürs Altgriechische könnte doch noch irgendwann abflauen. Eine Sorge, die der nicht teilt, der beobachtet, wie die Augen von Dorns Schülern leuchten.

Europäisches Gymnasium

Voraussetzung des „Europäischen Gymnasiums“ ist das Erlernen von zwei alten und zwei neuen Sprachen bis zum Abitur. Zielgruppe sind sprachlich und kulturell interessierte Schüler. Laut Landeskultusministerium dient das Europäische Gymnasium als „Schlüssel zur Kultur- und Geistesgeschichte Europas“. Mit dem Zertifikat fürs Europäische Gymnasium bekommen Schüler zusätzliche Qualifikationen bei einer Studienplatzbewerbung.

Der nun begonnene zweistündige Kurs am BZM-Gymnasium dauert zwei Jahre und mündet in eine Ergänzungsprüfung zum Abitur. Zusätzlich zu den Nachmittagsstunden werden Intensivphasen an drei Wochenenden angeboten.

https://km-bw.de/,Lde/Startseite/Schule/Europaeisches+Gymnasium

Quelle: Südkurier 2019-09-28

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